Eurostücke als Schriftzug

Der Kunde das unbezahlte Wesen

14.05.2016

 

Alles muss man selber machen! Nur allzu wörtlich kann man dies heute nehmen, möchte man aktiv am Geschäftsleben teilnehmen. Die Bankgeschäfte werden am heimischen PC erledigt, das Benzin ins Auto füllen muss man eh schon seit mehreren Jahrzehnten selbst, und auch das Obst und Gemüse einpacken und möglicherweise noch abwiegen muss man als Kunde. Und das alles natürlich ohne Bezahlung. Tatsächlich werden die Kunden in verschiedenen Bereichen immer mehr zu unbezahlten Mitarbeitern.

Selbst ist der Kunde, könnte man sagen

Beim einfachen Einkauf im Discounter fängt es bereits an: Zuerst holt man sich den Einkaufswagen, schmeißt dann die leeren Einwegflaschen in den Automaten, um die 0,25 € pro Flasche wieder ausgezahlt zu bekommen. Weiter geht es zum Obst und Gemüse. Zuerst irgendwo eine Tüte abreißen, das Obst bzw. Gemüse einpacken und möglicherweise noch selbst abwiegen (obwohl das mittlerweile in den meisten Fällen an der Kasse geschieht). Irgendwann muss ich mich wahrscheinlich noch selber abkassieren und mir einen Kassenbon ausstellen. Was früher von den Angestellten solcher Dienstleistungsbetriebe oder Geschäfte erledigt wurde, muss der Kunde heute alles selbst machen. Die Liste der vom Kunden selbst zu erbringenden Dienstleistungen wird immer länger. Wann haben Sie zum Beispiel das letzte Mal einen Tankwart gesehen, der ihnen das Benzin ins Auto füllte? Schon seit vielen Jahrzehnten ist es ganz normal, den Tankrüssel selbst in die Hand zu nehmen und das Fahrzeug zu betanken. Sogar die Bezahlung erfolgt bei vielen Tankstellen einfach mit der Chipkarte statt an der Kasse.

Wenn der Kunde an der Technik scheitert

Der Wahnsinn der Selbstbedienung nimmt zum Teil seltsame Formen an. Fahrkartenautomaten beispielsweise stellen immer wieder besondere Herausforderungen für die Kunden dar. Schon so mancher ist in der Bedienung der Geräte schlichtweg gescheitert. Wo früher ein Angestellter der Bahn die gewünschte Fahrkarte ausgestellt hat, muss sich der Kunde heute mit komplizierten Automaten herumplagen. Überall ersetzen Automaten Menschen. Die Leute müssen mitarbeiten, ob sie wollen oder nicht. Es gibt noch weitere Beispiele: Möchte man beispielsweise die Kontoauszüge erhalten oder sich Bargeld auszahlen lassen, so geschieht dies heute natürlich mithilfe entsprechender Automaten. Und wenn es noch möglich ist, sich die Auszüge am Bankschalter geben oder dort Geld auszahlen zu lassen, muss man als Bankkunde dafür extra in die Tasche greifen. Besonders ältere Menschen geraten hier häufig an ihre Grenzen, wenn das beispielsweise darum geht, Fahrkartenautomaten oder Geldautomaten zu bedienen.

Selbstbedienung soll Kosten sparen

Doch nicht jeder kommt auf Anhieb mit den vermeintlichen Vorteilen der modernen Technik zurecht, viele scheitern sogar daran. Warum die Kunden immer mehr selbst mitarbeiten müssen, liegt klar auf der Hand. Es geht schlicht und einfach darum, Mitarbeiter und damit verbundene Kosten zu sparen. Viele der erfolgreichen Unternehmen bzw. Geschäftsideen wären in dieser Form gar nicht umsetzbar, würden die Leute nicht mitarbeiten. Denken Sie nur einmal an die vielen Online-Shops, in denen die Kunden nicht nur einfach Ihre Gewünschten Waren bestellen, sondern diese oftmals auch zusammenstellen oder konfigurieren. Alle diese Dinge wurden früher von Mitarbeitern der entsprechenden Geschäfte erledigt, heute sind dafür Automaten oder auch Programme vorhanden. Und klappt es einmal nicht so einwandfrei mit der Selbstbedienung, muss der Kunde auch die hieraus entstehenden Probleme in vielen Fällen selbst lösen. So weit geht es heute mit der Mitarbeit der Kunden.

Verschiedene Beispiele, wo die Mitarbeit des Kunden gefordert ist:

Die folgenden Beispiele sind nur einige Dinge, bei denen die Kunden bereits heute aktiv mitarbeiten müssen. Dies erfolgt nicht immer freiwillig und auch unbezahlt. Es handelt sich hier teilweise um Dinge, die früher von bezahlten Mitarbeitern der entsprechenden Unternehmen durchgeführt wurden.

  • Onlinebanking am heimischen PC
  • Einkaufen und verkaufen über das Internet (beispielsweise bei eBay)
  • Fahrscheine sowie Bahntickets über das Internet oder entsprechende Automaten lösen
  • Konfiguration von Produkten durch den Kunden (beispielsweise in Online-Shops)
  • Abwiegen von Waren im Supermarkt oder Discounter

Mehrarbeit ohne Mehrwert für den Kunden

Ohne selbst einen Nutzen davon zu haben, arbeiten viele Kunden bereits selbst mit, häufig sogar, ohne es überhaupt zu merken. Denken Sie doch einmal an die Mülltrennung. Was haben Sie als Konsument von der Mülltrennung, außer dass Sie mehrere Mülltonnen zuhause herumstehen haben? Eigentlich gar nichts. Ganz im Gegenteil. Sie müssen bereits in der Wohnung die verschiedenen Müllarten auseinanderhalten, um diese später auch in der Mülltonne voneinander trennen zu können. Den Entsorgungsbetrieben wird hierdurch natürlich Arbeit abgenommen (und wahrscheinlich auch einigen Mitarbeitern der Arbeitsplatz). Dafür erledigen Sie diese Arbeit völlig kostenlos. Dieses doch an vielen anderen Stellen so. Der Einsatz von Automaten an immer mehr Stellen sorgt natürlich auch dafür, dass die entsprechenden Mitarbeiter nicht mehr benötigt werden. Sogar die Mitarbeiter an den Kassen der Supermärkte und Discounter könnten irgendwann einmal Geschichte werden, wenn die Selbstzahlerkassen bzw. Selbstbedienungskassen sich in den nächsten Jahren durchsetzen. Die technische Entwicklung geht hier immer weiter, leider allerdings auf Kosten der Kunden und auch der Mitarbeiter, die dadurch ihre Arbeitsplätze verlieren.